„Es war einmal…

 

Maerchen-Erzaehlerin-Wien-Oesterreich

 

…ein Mensch, der schrieb Geschichten, die Märchen genannt wurden. Diese Märchen waren schön und fein und traumhaft und ganz zauberhaft. Dann wurden sie gruselig und grausam und beängstigend und furchterregend. Die Kinder, die diese Erzählungen hörten, waren fasziniert von diesen HeldInnen und magischen Helferleins, aber auch den bösen Hexen, hungrigen Wölfen und “frechen Gören”. Es geschahen ganz komische und lustige, aber auch schlimme und dunkle Dinge. Mädchen, die mit roten Hauben durch den Wald spazierten und mit Wölfen plauderten. Fischer, die sich alle Wünsche erfüllen lassen konnten, leider nie zufrieden waren. Kinder, die aufgegessen werden sollten. Durch den Wald stampfende Kleinwüchsige und vermeintlich namenlose Kerlchen. Freche Mädchen, die von Fröschen verfolgt wurden. Am Ende aber…“

„STOOOOOOOOP!“, schrie das Volk.

Darf Mama nun weiterlesen oder nicht????

 

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Unzählige Diskussionen, was den grausamen Inhalt und die dunklen Figuren der Märchen anbelangt. Sind Märchen grausam und hinterlassen Narben in der unschuldigen kindlichen Seele? Oder sind sie für Kinder hilfreich, um Werte zu erlernen und zwischen Gut und Böse zu unterscheiden? Und überhaupt spiegeln Märchen ja überhaupt nicht die Realität wieder! Wie sollen sie also Kindern etwas beibringen können?

So meinten KritikerInnen und besorgte Eltern:

> Märchen sind unwahr, jedoch sollen Kinder zur Wahrhaftigkeit erzogen werden

> Märchen verursachen Angst bei Kindern und diese kann sich negativ auf die seelische Befindlichkeit und auf die weitere Entwicklung auswirken

> Latent vorhandene Gewaltbereitschaft und Grausamkeit können gefördert werden, weil die in Märchen dargestellten Strafen und Grausamkeiten zur Nachahmung auffordern

> Märchen animieren Kinder zu phantasieren und verhindern so, zu lernen, mit Realitäten umzugehen

(vgl Gutter, Bettelheim, Mönckeberg)

 

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Märchenbefürworter hingegen sehen in Märchen weniger eine Gefahr oder Bedrohung für Kinder, eher eine Chance und Hilfe für ihre Entwicklung.

So zeigt Bettelheims bekanntes Buch „Kinder brauchen Märchen“ eindeutig, wie er, als Psychoanalytiker und Kinderpsychologe, dazu stand. 

Er war davon überzeugt, dass Kinder sehr wohl erkennen, dass Märchen nicht der Realität entsprechen und, dass Eltern ihnen auch nicht eine heile Welt vorspielen sollten.

Kahn (Märchenstiftung Walter Kahn) geht dahingehend, dass Märchen Kindern Lebenshilfen und Lösungswege für ihre Problematik aufzeigen können. Solange das Böse am Ende verlieren würde, würde dies ebenso jegliche Wirkung von Grausamkeiten tun. 

Bettelheim dachte, dass die Helden und die Bösewichter gleichermaßen wichtig für die Kinder seien, da diese Figuren den Kindern Orientierung für ihren eigenen Lebensweg zur Verfügung stellen und ihnen auf der Suche nach ihrer Identität Hilfestellung leisten. 

Die Studie der Psychologieprofessorin Anne-Marie Tausch zeigte auf, dass Kinder sehr wohl negativ auf Märchen reagieren, durch Angst und Trauer beispielsweise. Das Lieblingsmärchen der befragten Kinder sei allerdings „Schneewittchen“ gewesen, genau dieses Märchen habe aber beim obigen Experiment die beschriebenen negativen Gefühle ausgelöst. Dies ließ mich schon dazumal, als ich darüber meine Diplomarbeit schrieb, wie auch heute noch, an dieser Studie zweifeln. Denn warum sollten Kinder ein für sie solch schlimm empfundenes Erlebnis so hochloben?

Prof. Dr. Friedrich erklärte in seiner Vorlesung zum Thema Märchen, dass diese als Psychodrama angewendet werden könnten. So seien Märchen ein Weg zur kindlichen Seele, Erzählungen, die ebenso wie Träume gedeutet werden könnten. „Rotkäppchen“, das einen pädagogischen Auftrag bekam, nicht vom rechten Weg abzukommen, als Beispiel vieler. 

Der Psychoanalytiker Adler fragte vor den Sitzungen seine KlientInnen immer, welches ihr Lieblingsmärchen sei. 

Der Gedanke zum Thema Grausamkeit war, dass durch den Spannungsaufbau, die Kinder sich auf die Situationen einlassen konnten und durch den Spannungsabbau am Ende, sowie dem Gewinn durch das Gute, ihnen jegliches negative Gefühl wieder genommen wurde.         

Zudem las ich unlängst, dass Märchen sehr wohl vorgelesen werden sollten, da sie der Denkweise eine Kindes entsprechen, sprich das Schwarz-Weiß Denken von Gut und Böse unterliegt genau dem Denken eines Kindes, das eine Orientierung diesbezüglich sucht. Fragen wie „Ist er gut oder böse?“ geben dem Kind durch die Antwort Orientierung und Sicherheit.

Das Verbrennen der Hexe bei Hänsel und Gretel lässt das Kind nicht daran denken, dass es jemanden verbrennen soll, sondern sich lediglich darüber freuen, dass die beiden unschuldigen Kinder befreit wurden und die böse Hexe „den Kampf“ verloren hat. Die Angst verfliegt und Sicherheit und Gerechtigkeitssinn kommen im Kind auf. 

 

Beispiele einiger Märchen und ihrer Symbolik:

– Aschenputtel als modernes Scheidungsmärchen

– Der Struwwelpeter wurde von einem Kinderpsychiater geschrieben und soll Verwahrlosung, soziale Diskriminierung, Sadismus uvm thematisieren.

(Schwarze Pädagogik als Erziehungsmethode und so…)

Märchen als Unterstützung, ihre Angst zu überwinden, ihnen aber auch Folgen durch Ursache und Wirkung zu erklären. Konsequenzen, die bestimmte Taten mit sich ziehen.

Symbolisch werden Lebensabschnitte, Menschen, Eigenschaften, Weisheiten… durch Märchen (und in der Moderne andere Erzählungen und Geschichten) vermittelt und den Kindern und ihrer Phantasie zur Verfügung gestellt. 

Ich werde meinen Kindern Märchen vorlesen, aber klarerweise immer mit Bedacht. Es gilt natürlich auch bei Märchen, Altersfreigaben, die wir als Eltern einschätzen sollten, zu beachten. 

„(… Am Ende aber…) verbrannten die bösen Hexen, die frechen Gören lernten wieder Respekt, die Frösche verwandelten sich zu Prinzen, der Fischer wusste sein Leben zu schätzen. Und das Mädchen mit der roten Haube? Das lernte, mit fremden Menschen spricht man nicht!“

 

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